Kurt Schorn: „Im ersten Leben Leichtathlet ...“

 

Kurt Schorn: „In meinem ersten Leben war ich Leichtathlet“

 Kurt Schorn ist blind, trotzdem macht ihm beim Schach keiner so schnell etwas vor Kurt Schorn           

 

 Artikel von Wolfgang Wynands

 (Aus dem Aachener Super Mittwoch vom 6.4.2016)

 

 

 

 

 

aachen. Das Super-Mittwoch- und Super-Sonntag-Gebiet ist eine echte „Sport-Region“. Es gibt die „großen“ Sportvereine, die auch überregional bekannt sind. Aber auch Einzelsportler. Wer also genau hinschaut, erfährt eine unglaubliche Vielfalt des Sports. Und damit beschäftigen wir uns, auch anlässlich des heutigen Internationalen Tags des Sports, in der vorliegenden Ausgabe und am Sonntag.

Faszinierend! Während es Zeitgenossen gibt, die immer noch der überholten Meinung sind, bei Schach, dem königlichen Spiel, handele es sich nicht um Sport, erwidert Kurt Schorn nur das: „Es gab Partien, da habe ich bis zu zwei Kilo abgenommen.“ Viele können die Schachregeln, aber nur eher wenige können wirklich „richtig“ Schach spielen. Kurt Schorn gehört dazu. Seine DWZ-Zahl: 1729. DWZ beschreibt ein nationales Wertungssystem analog zur so genannten Elo-Zahl, mit der die Stärke eines Spielers angegeben wird. „Man startet mit 900, die Besten haben 2800“, erzählt Schorn. Mit 2000, sagt man in Schachkreisen gewöhnlich, sind die absoluten Cracks unter sich. Und als ob 1729 in diesem Zusammenhang nicht schon recht hoch erscheinen – Kurt Schorn ist quasi blind. Wie etwa 30.000 bis 40.000 Deutsche leidet er an einer fortschreitenden Gesichtsfeldverengung. Die Krankheit ist immer noch unheilbar. Deshalb engagiert sich Kurt Schorn auch für Pro Retina, die Selbsthilfevereinigung von Menschen mit Netzhautdegeneration. Im Aura-Hotel Horn-Bad Meinberg hat er bei der diesjährigen Blindenschach-Meisterschaft des Schachbezirkes West des Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-Schachbundes zum dritten Mal nach 2012 und 2014 den Titel des NRW-Meisters errungen. Aber wie spielt ein faktisch blinder Mensch eigentlich Schach?

Kurt Schorn: „In meinem ersten Leben war ich Leichtathlet“

Kurt Schorn bei einer Partie Blindenschach. Jeder Spieler hat sein eigenes Brett. Die Schachuhr, hier nicht zu sehen, ist an der anderen Seite offen, damit die Spieler ertasten können, wie viel Zeit ihnen noch bleibt.Foto: Privat

Von seinem Gegenüber erkennt er praktisch nichts. Vor einem hellen Hintergrund und wenn die Lichtverhältnisse allgemein gut sind, nimmt er Menschen als eine Art dunkle Silhouette war, beschreibt er. „Ihr Gesicht kann ich nicht erkennen“, sagt er frank und frei. Wie die Welt wirklich aussieht weiß Kurt Schorn. „Mit 25 bin ich noch Auto gefahren. Und in meinem ersten Leben war ich Leichtathlet bei der ATG“, plaudert er. Das erste Leben, das zweite Leben. Das zweite Leben begann mit der Diagnose, dass er erblinden würde. Keine Chance auf Heilung.

 

Es blieb nicht viel anderes übrig, als sich damit so gut es eben geht zu arrangieren und bei der Überlegung, was ihn denn auch noch im höheren Alter, inzwischen ist er 64, umtreiben könnte, landete er am Schachbrett. Es mag sich zunächst recht simpel anhören, wie Sehbehinderte Schach spielen; Schwarze und weiße Felder haben unterschiedliche Höhen, so dass sie ertastet werden können. Damit die Figuren beim Tasten nicht umfallen, sind sie in Löchern versenkt und die schwarzen Figuren haben zusätzlich einen Nagel oder ein Kügelchen aufgesetzt. Und darin besteht letztlich die Schwierigkeit: sich das ganze Szenario der anfänglich 32 Figuren räumlich auf 8x8-Quadraten vorzustellen.

Kurt (r) mit seinem Kumpel Ewald

Blindenschach funktioniert auf zwei unterschiedliche Arten: Spielen Blinde gegen Blinde hat jeder Spieler ein eigenes Brett vor sich, spielt ein Blinder gegen einen Sehenden werden die Züge des blinden Spielers von seinem Steckbrett auf ein normales Brett übertragen. „Natürlich müssen die Züge immer angesagt werden, damit ich das auf meinem Brett umsetzen kann“, erklärt Schorn. Die grundsätzliche Schachregel „Berührt – geführt“ gilt auch in Blindenschach, nur, dass das „berührt“ durch das Herausnehmen einer Figur aus seiner Lochverankerung ersetzt wird. „Sehende“ sind beim Spiel gegenüber Blinden nicht nur deswegen im Vorteil, weil sie das Brett mit einem Blick eben im Blick haben, sondern auch dadurch, dass sie unter Umständen aus den Tastbewegungen seines Gegenübers auf dessen Gedankengänge und Pläne schließen können. Seine Schachkünste hat Kurt Schorn, wie manch sehender Schachspieler auch, so perfektioniert, „dass ich eine Partie auch rein im Kopf, also ohne Brett spielen kann.“ Keine üble Eigenschaft, wenn er, etwa mit seinem Kumpel Ewald Heck im Flieger sitzt. Oder auf einem Tandem mit Reiner Möhres auf der Tour Aachen-Rom. Auf die Tandem-Saison freut sich Kurt Schorn jetzt schon. „Man riecht und hört die Landschaften zwar nur, aber ich genieße es unheimlich. Dieses Gefühl körperlicher Anspannung und auch Anstrengung hat man als Sehbehinderter, der sich in der Regel mit äußerster Vorsicht durch den Alltag bewegt, einfach sonst nicht. Ich liebes es, mich auf dem Tandem auch mal so richtig auspowern zu können.“ 

Zurzeit spielt Kurt Schorn – unter lauter Sehenden – in der 2. Mannschaft der DJK Eilendorf an Brett 4 (an Brett eins spielt jeweils der stärkste Spieler einer Mannschaft und so fort). „Wir hoffen nach dem Abstieg in die Kreisliga bald wieder in der Bezirksliga zu spielen“, sagt er.

Daheim, im kleinen Häuschen in Forst, bewegt sich Kurt Schorn ganz normal. Hier weiß er, wo was steht, kennt die Laufwege, auch die der unmittelbaren Umgebung. „Aber darüber hinaus brauche ich den weißen Stock“, sagt er und unterstreicht, das er sich damit in der Stadt ganz gut zurecht findet. „Da ist für Sehbehinderte in letzter Zeit doch viel passiert.“

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